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nachgedacht

NACHGEDACHT Wege zur Umkehr

VERGEBEN UND VERGESSEN – Geht das?

„Nein“, antwortete Jesus. „Nicht nur siebenmal. Es gibt keine Grenze. Du musst bereit sein, ihm immer wieder zu vergeben.“ (Hoffnung für alle)

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie war das nochmal: Vergeben und Vergessen – geht das?
Wer kennt das nicht: Muss ich dies und das vergeben? Ich kann das (noch) nicht! Aber als Christ muss ich doch vergeben!?
Hier ist ein Jein zu sagen. Gott möchte, dass wir unserem Mitmenschen vergeben. Aber er weiß auch, dass dies nicht immer einfach ist. Das es Zeit braucht. Manchmal auch sehr lange Zeit. Und dennoch: Gott hat uns lieb und er weiß, wie schwierig Vergebung für den einzelnen sein kann.
Nach Matt. 18, Vers 22 gibt es keine Grenze, wann wir aufhören sollen, einem Menschen zu vergeben. Wir sind aufgefordert immer wieder zu vergeben. So wie uns auch Gott vergibt. Wie wir es auch im ,,Vater Unser“ beten. Aber das ist oft sehr schwer, je nachdem was uns widerfahren ist.
Wohltuend ist da die Weisheit Jesu, der sagt: ,Tue es immer wieder.“ Für mich verlangt er nicht, dass schon beim ersten Mal alles vergeben (und vergessen) ist. Es ist aber eine Willensentscheidung, dem anderen zu vergeben. Was bleibt sind die Verletzungen, die immer wieder dafür sorgen, dass es ,,Rückschläge“ gibt. Vielleicht bestehen ja auch noch (notwendige) Verbindungen, die das Erlebte immer wieder in die Gegenwart zurückrufen. Und deshalb sagt er: ,,Du musst viele Male vergeben“, weil er weiß, dass es nicht immer beim ersten Male klappt. Wir dürfen also uns Zeit lassen. Aber wir sind aufgefordert, es immer wieder zu versuchen und es zu tun.

Warum ist Vergeben so wichtig? Verletzungen nagen in uns. Sie hinterlassen tiefe Einschnitte in unserer Seele. Sie lassen uns u.U. depressiv, verbittert. zynisch und ohne Lebenslust und Lebensliebe werden. Je länger wir mit diesen Verletzungen leben, je weniger wir eine Heilung zulassen, desto größer ist auch die Macht der Verletzungen und damit letztlich auch die Person bzw. die Umstände. die uns diese Verletzungen zugefügt haben. Jesus weiß, wie schwierig echtes Vergeben sein kann. Und insofern hat für mich dieser Vers diese Doppelbedeutung. Er fordert. er muntert dazu auf es immer wieder und wieder zu probieren. es zu wollen. Und er fordert auch dazu auf, einem Menschen viele Male zu vergeben.

Er fordert uns aber nicht auf. alles zuzulassen, uns nicht (angemessen) zu wehren und nicht vielleicht (Ver)Bindungen sogar zu trennen, die uns immer wieder neu verletzen. Vergeben ist nicht gleich zu setzen mit Vergessen. Dieses schnelle Vergessen bedeutet oftmals ein ungesundes Verdrängen. Nein, im Gegenteil. Vergeben bedeutet in diesem Zusammenhang ein ehrliches Auseinandersetzen mit der eigenen Vergangenheit. Es ist die Möglichkeit, diese Ereignisse als Bestandteil der eigenen Biografie zu erleben und so innerlich zu heilen. Und mit der Zeit verblassen vielleicht die negativen Gefühle, aber nicht das Ereignis. Sehr wohl weiß ich noch. was mir wann widerfahren ist. Ich weiß sehr wohl, welche Menschen daran beteiligt waren. Aber ich kann freier darüber reden. Neue Verletzungen werden nicht automatisch mit den alten in Verbindung gebracht. Ich bin wieder freier. anderen Menschen rnit Liebe und Vertrauen zu begegnen. Jeder, der einmal eine ,,schwierige“ Sache vergeben hat, weiß wie schön es ist, wenn die Last der Verletzung abgefallen ist, wenn wir einfach sagen können: „Dies und das ist mir passiert“. und nur noch wenige Tränen kommen. der Atem weiter geht und uns nicht die Sprache wegbleibt, wie manchmal die Spucke. Und umgedreht wie schön es ist, wenn mir Vergebung zugesprochen wurde. Wenn ich wieder (vorsichtig) auf den anderen zugehen kann, weil das was zwischen uns steht benannt und vergeben ist.

Ich wünsche Ihnen. dass Sie Vergeben neu lernen. Nicht um alles zu vergessen oder um alles unter den Teppich zu kehren. Aber um wieder die Liebe Gottes zu spüren,. die Liebe vieler anderer Menschen und auch selbst wieder lieben zu können. Und auch die Befreiung dem anderen ,,befreit“ gegenüber treten zu können. Vielleicht wird auch der andere dadurch frei und kann seine Schuld, die er vielleicht erkennt loslassen. Und auch frei wieder auf Sie zugehen. Aber egal ob das geschieht oder wünschenswert ist: Allein. dass Sie nicht mehr unter der Last der Verletzung leiden, ist schon ein Geschenk. Ein erstrebenswertes Ziel. für dass es sich zu arbeiten lohnt. Vergeben kann harte Arbeit sein. Aber das Geschenk ist riesig. Probieren Sie es aus. Liebe heißt Loslassen können. Ich wünsche Ihnen Gottes Kraft und dass Sie Gottes Liebe ganz neu in sich spüren können.

Ihr

Andreas Mülverstedt
Heilpraktiker für Psychotherapie
Christlicher Lebens- und Sozialberater/ Paar- und Familientherapeut

 

Bildrechte:Adobe Stock Von Love You Stock

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